Die Anfänge

Gründung der Frauen-Union nach dem Zweiten Weltkrieg

Frauen und Politik im Nationalsozialismus

Die aktive Mitgestaltung der Politik seit dem Zweiten Weltkrieg war keineswegs eine Rolle, die Frauen fremd war. Seit Einführung des Frauenwahlrechts in der Weimarer Republik hatten sich Frauen, wenn auch als Minderheit, aktiv an der deutschen Politik beteiligt. Nach der Machtergreifung Hitlers wurden sie jedoch aus der offiziellen Politik ausgeschlossen und verloren ihre Anstellung als Lehrerinnen oder Verwaltungsbeamtinnen. Die Nationalsozialisten hatten eine andere Rolle für Frauen vorgesehen: die deutsche Frau als Mutter, gebärfreudig und vaterlandstreu. "Das nationalsozialistische Frauenbild" reduzierte sich, so der Historiker Hans Süssmuth, auf "ein Mutterbild". Politische Gestaltungsmöglichkeiten von Frauen hatten in diesem Konzept keinen Platz.

 

Thusnelda Lang-Brumann, erste Vorsitzende der Frauen-Union

Immer haben die Völker dann an die Frauen appelliert, wenn sie in größter Not waren. Es scheint uns beschieden zu sein, nur im Unglück" gerufen zu werden und nur in der Not zu unserer Aufgabe empor zu wachsen. Unsere Anfänge und unsere Stationen liegen an den Unglückskreuzen unseres Volkes.

 

Die Entstehung von konfessionsübergreifenden Frauenausschüssen

Dahingehende Aktivitäten konnten Frauen erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder aufnehmen. Aus der nationalsozialistischen Herrschaft hatten sie vor allem eine Lehre gezogen: Sich das politische Engagement nicht länger verbieten zu lassen. Sie wollten teilhaben an einem Prozess, der Friedenssicherung und Demokratisierung versprach. Zu diesem Zweck formierten sich Frauen in zahlreichen konfessionsübergreifenden Frauenausschüssen. Unter denjenigen, die ein früheres politisches Engagement wieder aufnahmen, befand sich die ehemalige Reichstagsabgeordnete Thusnelda Lang-Brumann. Als christliche Sozialpolitikerin hatte sie sich vor allem bei der Bekämpfung des internationalen Mädchenhandels profiliert und knüpfte nach dem Krieg an ihre politische Karriere an. Die ehemalige Reichstagsabgeordnete begann damit, Frauen konfessionsübergreifend zu organisieren. Zu dem Zirkel christlicher Frauen, der sich in Bayern formierte, gehörten unter anderen die damalige Stadträtin Zita Zehner, Dr. Maria Probst, Gräfin Bothmer, Else Dahm, Maria Deku, Elisabeth Hahn sowie Dr. Elisabeth Meyer-Spreckels.

Entstehung vom Frauenausschuss

Innerhalb der CSU bildeten sich zahlreiche Arbeitsausschüsse, die für den Ausbau der Organisation zuständig waren. So kam es auch zur Bildung des Ausschusses "Frau und Familie", kurz "Frauenausschuss" genannt, der sich als "gesamte Vertretung aller Frauen sowie aller Wählerinnen der Union" verstand und sich einem breiten Spektrum an gesellschaftlichen Themen widmete. Zu den drei Arbeitsschwerpunkten des Ausschusses zählten die Auseinandersetzung mit den programmatischen Parteirichtlinien, Unterstützung bei Nachkriegsproblemen und der Einsatz von Frauen bei Wahlvorbereitungen. Nicht zuletzt schlug sich der Einfluss der Frauen im ersten Grundsatzprogramm der CSU nieder, das im Dezember 1946 verabschiedet wurde. Darin ist zu lesen: "Mann und Frau sind in Wert und Aufgabe ebenbürtig. Wir fordern die rechtliche und soziale Gleichstellung der Geschlechter."

Die Frauenarbeitsgemeinschaft der CSU wird gegründet

Nach und nach kam es innerhalb der Partei zu Untergliederungen. So schlossen sich am 29. August 1947 auch die Frauen innerhalb der CSU zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen. Die zwei Hauptanliegen der Arbeitsgemeinschaft: 1. die Lösung von Problemen der Nachkriegszeit sowie 2. der Aufbau eines neuen Staatswesens. Der Zusammenschluss zur Frauenarbeitsgemeinschaft (FAG) wurde offiziell am 30./31. August 1947 von Mitbegründerin Lang-Brumann auf der ordentlichen Landesversammlung der CSU bekannt gegeben. Lang-Brumann, spätere erste Vorsitzender der FAG, wandte sich mit den Worten an die CSU:

 

Thusnelda Lang-Brumann, erste Vorsitzende der Frauen-Union

Ich habe den Auftrag, der außerordentlichen Landesversammlung der UNION mitzuteilen, daß sich die Frauen der Christlich-Sozialen Union in Bayern auf einer in jeder Hinsicht einmütig verlaufenden Versammlung zur Landesarbeitsgemeinschaft der Frauen der CSU in Bayern zusammengeschlossen haben […]. Der Zweck der Gründung ist die klare Herausstellung der Gesamtmeinung und des Gesamtwillens des Wählerkreises der Union, der in Anspruch nehmen darf, zahlenmäßig der größte zu sein.

 

Zusammenschluss der Frauenarbeitsgemeinschaft von CSU und CDU

Am 1. Mai 1948 schlossen sich die Frauenarbeitsgemeinschaften der CSU und CDU auf einer konstituierenden Sitzung in Frankfurt zur "Frauenarbeitsgemeinschaft der CDU/CSU Deutschlands" zusammen. Helene Weber hatte den Vorsitz. Gemeinsam wandte man sich einem größeren Themenspektrum zu. Neben den Themen mangelnde Repräsentanz von Frauen als Mandatsträgerinnen, Gleichberechtigung, Lastenausgleich und Elternrecht gewannen in diesen Jahren bundespolitische und außenpolitische - und hier vor allem europapolitische Themen - an Bedeutung. Die organisatorische Zusammenführung beider Arbeitsgemeinschaften wurde drei Jahre später, nach Gründung der CDU als Bundespartei, wieder aufgehoben.

  Frauenpolitik im Nachkriegsdeutschland

Die 1950er und 1960er Jahre

 

Zita Zehner, zweite Vorsitzende der Frauen-Union

"Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß die Mitarbeit der Frauen in der Politik notwendig ist, dann wurde dieser Beweis in der Notzeit nach dem Zusammenbruch von 1945 erbracht."

 

Zwischen Wiederaufbau und politischem Engagement

In den ersten Jahren der Besatzungszeit wirkte, einer Schätzung der amerikanischen Militärregierung zufolge, nur etwa jede zehnte Frau an der Gestaltung der Politik mit. Zu sehr war der Großteil der deutschen "Trümmerfrauen" mit dem physischen Wiederaufbau des Landes beschäftigt, als dass sie Zeit und Energie gehabt hätten, die politische Zukunft mitzugestalten. So überraschte es keineswegs, dass sich in den 1950er Jahren in der weiblichen Bevölkerung eine vorwiegend apolitische Haltung manifestierte, die bis weit in die 1960er Jahre hinein andauerte.

Frauen im Landtag

Dennoch war die Nachkriegszeit die Zeit, in der Frauen, die aktiv an der politischen Neugestaltung des Landes mitarbeiteten, auf Erfolge verweisen konnten. Im Bayerischen Landtag setzten sich die vier weiblichen CSU-Abgeordneten Maria Deku, Franziska Gröber, Dr. Maria Probst sowie Zita Zehner für zahlreiche Verbesserungen für Frauen, Kinder, Arbeitnehmer und andere Gruppen ein. Auf ihrer Agenda stand die rechtliche und finanzielle Besserstellung besagter Gruppen und es gelang ihnen, diese Agenda erfolgreich umzusetzen. Eckpunkte dieser erfolgreichen Nachkriegspolitik war die Erhöhung staatlicher Erziehungsbeihilfe und Invalidenrente, Gewährung von Blindengeld, Heraufsetzen der Lebensmittelrationen, Einführung von Renten für Kriegswitwen und Waisen, rechtliche Stärkung der Arbeitnehmer, Bau von Wohnungen für Flüchtlinge und Ausgebombte sowie die Förderung von begabten Kindern aus armen Familien.

Betonung christlicher Werte

Neben wirtschaftspolitischen Fragen standen in diesen Jahren vor allem soziale und kulturelle Fragen für die Frauen der FAG im Vordergrund. Ihr erklärtes Ziel war es, die anti-christliche Haltung der nationalsozialistischen Zeit zu einem raschen Ende zu bringen und die Bevölkerung zum christlichen Glauben zurückzuführen. Sie traten für die Wiedereröffnung von Klosterschulen ein, machten sich für kriminelle Jugendliche stark und forderten eine Presse, die christliche Werte widerspiegelte. Darüber hinaus holten sie junge Frauen von der Straße weg und ermöglichten ihnen mit einer hauswirtschaftlichen Ausbildung eine Zukunftsperspektive.

Schwerpunkt Familienpolitik

Frauenpolitik wurde in den Anfangsjahren der FAG eng ausgelegt. Zita Zehner, die 1953, im selben Jahr, in dem sich die FAG die erste Geschäftsordnung gab, die Nachfolge von Lang-Brumann antrat, äußerte die Meinung: "All die Fragen, die die Frau und die Familie unmittelbar berühren, seien es kulturpolitische, wirtschafts- und sozialpolitische Fragen, dürfen nicht nur von Männern gelöst werden." Nicht der "großen Politik" sollten sich der Ansicht Zita Zehners nach die Frauen der FAG widmen, sondern den Themen Frau und Familie, eine Auffassung, die sich in den ersten zwei Jahrzehnten nach Gründung der Arbeitsgemeinschaft in deren Themenschwerpunkten widerspiegelte. Frauenpolitik war dieser Betrachtungsweise zufolge Familienpolitik.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Eine Verlagerung des thematischen Schwerpunkts zeichnete sich Mitte der 1960er Jahre ab. Ersichtlich wurde dies zunächst auf dem 1965 stattfindenden Frauenkongress in München. Im Unterschied zu vergangenen Kongressen, in denen das Thema Familie im Vordergrund stand, beschäftigte man sich zum ersten Mal mit der berufstätigen Frau in der Gesellschaft. Einige der auf dem Kongress getroffenen Aussagen fanden dabei in dem 1968 neu von der CSU verabschiedeten Grundsatzprogramm ihren Eingang: "Die Frau leistet in Familie und Beruf einen entscheidenden Beitrag für die Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft. Für die Teilnahme der Frau am öffentlichen und beruflichen Leben sind Bedingungen zu schaffen, die ihren besonderen Lebensphasen Rechnung tragen und dem Grundsatz der Gleichberechtigung entsprechen." Dies verdeutlichte, dass der Anspruch der Frauen-Union, auf Kongressen gezielt Themen zu bearbeiten und konkrete politische Vorstellungen  zu formulieren, ihren Niederschlag innerhalb von Parteiprogrammen finden konnte.

Das Frauenreferat

Im gleichen Jahr, in dem Zita Zehner Vorsitzende wurde, richtete die Frauen-Union ein Büro in der Münchner Hildegardstraße ein, in dem Elisabeth Wunsch ehrenamtlich als rechte Hand der Vorsitzenden arbeitete. Wunsch hatte damit eine ähnliche Position inne wie die späteren Frauenreferentinnen der Landesleitung. Ihr ist es zu verdanken, dass die Organisation der FAG wesentlich ausgebaut werden konnte. Institutionalisiert wurde die Position der Frauenreferentin schließlich im Jahre 1965. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Frauen-Union in der CSU-Landesleitung durch ein eigenes Referat und eine eigene Referentin repräsentiert. Im selben Jahr wurde  Dr. Maria Probst (CSU) zur ersten Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags  ins zweithöchste Amt berufen. Probst, die sich stark gemacht hatte für die Rechte der Kriegshinterbliebenen, konnte damit auf eine steile,  politische Karriere zurückblicken, zu deren Stationen sowohl ihre Arbeit als eine der ersten Landtagsabgeordneten (1946-49) und als erste Bundestagsabgeordnete (1949-67) zählten.

Umbenennung zur Frauen-Union

Im Juni 1968 änderte die Frauenarbeitsgemeinschaft auf der Landesversammlung in Vierzehnheiligen ihre Bezeichnung. Sie nannte sich fortan Frauen-Union. Die Namensänderung stand im Zusammenhang mit der Überlegung, nach außen hin die Verbundenheit sowohl zur Frauen-Union der CDU als auch zur Europäischen Frauen-Union zu signalisieren.

  Zäsur und Neuorientierung

Die "Neue Frauenbewegung" und die Frauen-Union

 

Auszug aus der Werbebroschüre der Frauen-Union, 1971

"Frau und Gleichberechtigung – oder: Sind Frauen Menschen zweiter Klasse?"

 

Politisierungstrend

Bis in die 1960er Jahre hinein übten die Parteien auf Frauen eine geringe Anziehungskraft aus. Ab dann zeichnete sich jedoch im Rahmen eines allgemein stattfindenden Politisierungstrends ein Wandel ab -  Ausdruck eines gesamtpolitischen Veränderungsprozesses. In Folge der Bildung der Großen Koalition (CDU/CSU und SPD) im Jahre 1966 hatten sich mit der APO und Studentenbewegung stellvertretende Oppositions- und Protestbewegungen gebildet. Eine der führenden Studentenbewegungen bildete hierbei der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Die Studentinnen dieser Gruppierung erkannten bald, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit anti-autoritärer Muster auch innerhalb der SDS eine Kluft bestand: "Frauen durften die Flugblätter abtippen, Kaffee kochen und die Kinder während der öffentlichen Aktionen betreuen", während ihre männlichen Kollegen Vorträge hielten und demonstrierten. Auf einer Tagung des SDS kam es schließlich zum endgültigen Zerwürfnis. Diese kennzeichnete den Beginn der "Neuen Frauenbewegung", die von 1968 an bis in die 1970er Jahre hinein einen regen Zulauf an Anhängerinnen verzeichnete.

Die "Neue Frauenbewegung" und ihre Impulse

Die neuen Impulse innerhalb der Frauenpolitik, die von der "Neuen Frauenbewegung" ausgingen, beeinflussten auch die Diskussion innerhalb der Frauen-Union, der von 1969 an Centa Haas vorstand. Mochten auch Auftreten und Standpunkte unterschiedlich sein, so war man doch am Austausch von Ideen interessiert. Man lud feministische Vertreterinnen ein und setzte sich im Rahmen von Vorträgen und Diskussionen mit deren neuen Visionen auseinander. Am offensichtlichsten traten Unterschiede bezüglich des §218 zutage. Vertreterinnen der "Neuen Frauenbewegung" hatten öffentlich gefordert, §218 abzuschaffen und damit Abtreibung zu legalisieren. In einer "Selbstbezichtigungsaktion" präsentierten sich 374 Frauen, darunter Alice Schwarzer, im Magazin "Stern" und erklärten, abgetrieben zu haben. So geschlossen, wie diese Frauen eine Front gegen §218 bildeten, so einig waren sich die Mitglieder der Frauen-Union darin, dass sie gegen eine Streichung waren.

Thema Gleichberechtigung

An anderen Stellen jedoch manifestierte sich der Einfluss durch die „Neue Frauenbewegung“ ganz klar. In einer Werbebroschüre von 1971 ist zu lesen: "Die Gleichberechtigung der Frau in Gesellschaft, Beruf und Politik ist noch lange nicht verwirklicht. Das liegt weniger an den Gesetzen als an den gesellschaftlichen Bedingungen. Solange Frauen unterbezahlt sind, von den Betrieben zu wenig gefördert werden, in Parteien und Verbänden kaum vertreten sind und die Zahl der politischen Mandatsträgerinnen zurückgeht anstatt zunimmt, solange sind wir von einer tatsächlichen Gleichberechtigung noch weit entfernt."

Generationenwechsel auch innerhalb der Frauen-Union

Der gesellschaftliche Wandel schien sich auch im personellen Bereich innerhalb der Frauen-Union widerzuspiegeln. Als Ursula Krone-Appuhn im Jahre 1973 Nachfolgerin von Centa Haas wurde, vollzog sich auch hier ein Generationenwechsel. Krone-Appuhn, die im Verteidigungsausschuss saß, verlagerte bewusst den thematischen Schwerpunkt auf Wehrpolitik und setzte sich bewusst für die Rechte Alleinerziehender ein. Unter Krone-Appuhn legte die Frauen-Union ein detailliertes Aktionsprogramm zu ihren politischen Zielsetzungen vor.

Frauen im Europäischen Parlament

Ende der 1970er Jahre zeigte sich, dass Frauen auch auf europäischer Ebene auf dem Vormarsch waren. Ursula Schleicher zog 1979, als zum ersten Mal die Abgeordneten durch Direktwahl bestimmt wurden, als erste CSU-Frau in das Europäische Parlament ein.

  Motto "Wahlfreiheit"

Die 1980er und 1990er Jahre

 

Prof. Ursula Männle, MdL a.D

"Frauen und Männer leisten einen jeweils eigenen Beitrag zur Gestaltung von Politik: Partnerschaft in der Politik bedeutet deshalb, dass Männer und Frauen sich gegenseitig in ihren fachlichen Kenntnissen, ihrer Lebenserfahrung und ihrem Urteilsvermögen anerkennen und die männliche und weibliche Sicht- und Vorgehensweise als unverzichtbar für die politische Entscheidungsfindung begreifen."

 

Frauen als gesellschaftspolitisches Thema

Während sich die Frauenbewegung der 68er Jahre mit dem Thema Frau in der Gesellschaft beschäftigt hatte, setzte in den 1980er Jahren ein neuer Trend ein. Gesellschaft und Politik entdeckten das Thema für sich. Politischen Frauenorganisationen bot sich nun die Chance, die Gunst der Stunde zu nutzen und ihren individuellen Standpunkt in die gesellschaftliche Diskussion mit einzubringen. Frauen beschränkten sich nicht länger darauf, Zielsetzungen zu formulieren, stattdessen forderten sie deren politische Umsetzung. Neu war dabei auch, dass alle politischen Bereiche für die frauenpolitische Diskussion interessant wurden. Man setzte sich mit Gentechnik, Medizin und Ökologie auseinander und signalisierte: Frauenpolitik ist mehr als reine Familienpolitik.

Qualität statt Quote

Mit dem Anspruch, aus der Arbeitsgemeinschaft "eine schlagkräftige politische Frauenorganisation" zu machen, übernahm Prof. Ursula Männle zu Beginn der 1980er Jahre den Landesvorsitz. Zu ihren wichtigsten Zielsetzungen, die eng an die Geschäftsordnung der Frauen-Union geknüpft waren, zählten: Frauenanliegen in konkrete Politik umzusetzen und Frauen für die politische Mitgestaltung innerhalb der Partei zu gewinnen. Zudem galt es, den Aufbau  von Kreis- und Ortsverbänden voranzutreiben. Vor allem aber sollte die Repräsentanz von Frauen als Mandatsträgerinnen erhöht werden. In diesem Zusammenhang kam es zu kontroversen Diskussionen in Bezug auf die Einführung einer Frauenquote. Letztendlich entschied sich die Frauen-Union dagegen. Qualität sollte sich gegen Quote durchsetzen.

Politik mit Männern, nicht gegen sie

In starker Abgrenzung zu den Feministinnen ging es den Mitgliedern der Frauen-Union nicht darum, eine Politik zu verfolgen, die sich gegen Männer richtete, sondern eine, in der Männer miteinbezogen wurden. Frauen sollten an der Macht teilhaben, ohne Männer zu entmachten. Die Frauen-Union definierte Frauenpolitik "als integrative[n] Bestandteil der Gesamtpolitik, d.h. die Anliegen der Frauen, ihre Wertvorstellungen müssen Eingang finden in eine sehr männlich geprägte Politik."

Europa wächst zusammen

Gesamtpolitisch gesehen trat Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre ein dramatischer Veränderungsprozess ein. Nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung zweier grundlegend verschiedener deutscher Staatssysteme galt es zu Beginn der 1990er Jahre, den Aufbau demokratischer Strukturen im Osten zu vollziehen. Gleichzeitig orientierte sich die deutsche Außenpolitik hin zu einer stärkeren Zusammenarbeit mit den EU-Mitgliedern. Dies spiegelte sich schließlich auch darin wieder, dass die Frauen-Union auch den Dialog und die Vernetzung auf europäischer Ebene suchte.

Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Im Jahre 1991 übernahm Gerda Hasselfeldt den Vorsitz. Thematisch blieb die Frauen-Union breit aufgestellt. Man diskutierte die Informations- und Kommunikationstechnologie, Telearbeit, Umweltpolitik, und nicht zuletzt auch den Euro als zukünftige europäische Währung. Als Kernthema bestehen blieben die Themen Familienpolitik sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die damalige Vorsitzende Gerda Hasselfeldt machte dabei klar: "Das Thema Frauen im Beruf ist kein Modethema, sondern eine drängende politische Aufgabe." Man war sich darin einig, dass die Familie das Fundament der Gesellschaft darstellte, auch wenn dieses Fundament in den vorhergehenden zwei Jahrzehnten einem dramatischen Wandel unterworfen war.

Wahlfreiheit

"Wir müssen mehr tun für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf", forderte Maria Eichhorn, die vier Jahre später den Vorsitz übernahm: "Wir wollen die Wahlfreiheit sicherstellen. Frauen sollen selbst entscheiden können, ob sie Karriere machen wollen, sich um ihre Familien kümmern oder Familie und Beruf verbinden." Die Frauen-Union trat für eine flexiblere Gestaltung des Erziehungsurlaubs ein, für die Einführung von Familiengeld, die finanzielle Förderung von einkommensschwachen Familien und widmete sich auch der Frage, wie Altersarmut bei Frauen verhindert werden konnte. Von zentraler Bedeutung war für die Frauen-Union dabei, nicht nur die Kinderbetreuungsmöglichkeiten auszubauen, sondern auch gezielt Familien finanziell zu unterstützen, ein Ansatz, der sich 2006 auch in der Diskussion zur Einführung des Elterngelds zeigte.

  Gegenwart und Zukunft der Frauen-Union

Angela Merkel als erste Bundeskanzlerin

Im Zuge der vorgezogenen Bundestagswahl im Herbst 2005 trat für Deutschland abermals eine historische Wende ein: Zum ersten Mal wurde mit Angela Merkel eine Frau an die politische Spitze Deutschlands gewählt. Für Männer wie für Frauen hatte dies eine starke Signalwirkung, die sich nicht zuletzt darin widerspiegelte, dass das Wort "Bundeskanzlerin" 2005 zum Wort des Jahres gekürt wurde. In einer beinahe 60-jährigen Geschichte der Frauen-Union waren Frauen in den Landtag, den Bundestag und in das Europäische Parlament eingezogen. Nun hat eine Frau die bedeutendste Machtposition in Deutschland inne. Nicht zuletzt wurde dies ermöglicht durch die kontinuierliche, politische Arbeit von christlich-konservativ geprägten Frauen, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs für die Rechte von Frauen in Gesellschaft und Politik eintraten.

Literatur- und Bildnachweis

Literatur

  • CSU-Frauenreferat (Hrsg.), 40 Jahre Frauen-Arbeit in der CSU. Zur Geschichte der Frauen-Union, München 1985.
  • Frauen-Union der CSU (Hrsg.), 50 Jahre Frauen-Union, Hofmann-Druck Augsburg 1997.
  • Hanns-Seidel-Stiftung (Hrsg.), Geschichte einer Volkspartei. 50 Jahre CSU, Atwerb-Verlag KG Grünwald, 1995.
  • Helwig, Gisela/ Nickel, Hildegard Maria, "Frauen in Deutschland 1945-1992", Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1993.
  • Männle, Ursula. "Der Weg zur Anerkennung. Einsatz-Erfolge-Perspektiven", in: Bayernkurier, 25.1.1986.
  • Männle, Ursula/Heep, Marita, Frauenpolitik - Bilanz und Perspektiven", in: Politische Studien, 40. Jahrgang, Nr. 303, Verlag R.S. Schulz, Percha am Starnberger See 1989.
  • Süssmuth, Hans, Geschichte der Frauen-Union, Baden-Baden 1990.
  • 50 Jahre Frauen-Union, 1946 Bezirksverband München 1996, München 1996.
  • Nave-Herz, Rosemarie, Die Geschichte der Frauen-Bewegung in Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1997.

 Bildmaterial

  • Bayerischer Landtag
  • Hanns-Seidel-StiftungStiftung
  • Archiv der deutschen Frauenbewegung