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Wenn Kinder Kinder kriegen

Lieber Leser,
die gesunde Entwicklung unserer Jugend liegt uns allen besonders am Herzen. Prävention ist auf vielen Gebieten dringend erforderlich. So auch beim Thema Teenagerschwangerschaften. Ein guter Anfang in der Beratung war 2006 der "Tag der offenen Praxis" bei Gynäkologen in Kempten. Viele Mädchen nahmen das Gesprächsangebot an. Einen speziellen Internetauftritt für Mädchen von einer Ärztinnenvereinigung gibt es unter www.aeggf.de.

Gastbeitrag von
Karin Brückert
Stellvertretende FU-Landesvorsitzende Schleswig-Holstein

Die Zahlen der minderjährigen Mütter und der Abbrüche bei Minderjährigen sind weiterhin besorgniserregend. Die Frauen Union beobachtet diesen Trend aufmerksam und die Arbeitsgruppe "Teenagerschwangerschaften" des Bundesvorstandes, der ich angehöre, hat auf der letzten Sitzung ihren Bericht und die letzten Zahlen vorgelegt. Hinter diesen Statistiken verbergen sich handfeste gesellschaftliche Probleme und Entwicklungen:
Es handelt sich nicht um ein deutsches Problem, die Bundesrepublik liegt im internationalen Vergleich bei den Zahlen im Mittelfeld. Führend ist Großbritannien in Europa und in der westlichen Welt sind es die USA.
Aus den Untersuchungen geht eindeutig hervor, dass es sich bei den betroffenen Personenkreisen um Mädchen handelt, deren soziales Umfeld gekennzeichnet ist von zerrütteten familiären Beziehungen und Familien, die sehr oft abhängig von Sozialhilfe oder anderen sozialen Ersatzleistungen sind. Die Mädchen selbst haben oft ein geringes Ausbildungsniveau und daher geringe gesellschaftliche und berufliche Perspektiven. 40 % der minderjährigen Mütter haben keinen Schulabschluss, 50 % haben einen Hauptschulabschluss, 5 % einen Realschulabschluss, 4 % haben Abitur.

Weil die betroffenen Mädchen meist aus bildungsfernen Familien und Bevölkerungsschichten stammen und schwer zu belehren sind, ist es von großer Bedeutung ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufzubauen, denn das "Gefühlschaos" in der Pubertät und die Sehnsucht nach einem glücklichen und leichten Leben an der Seite eines Traummannes trüben den Blick auf die Realitäten. Sie glauben durch die Mutterschaft Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu erlangen. Es ist schwierig, mit Vernunft und sachlicher Aufklärung gegen romantische Träume zu argumentieren und die jungen Mädchen zu Enthaltsamkeit oder mindestens Verhütung zu überzeugen und ihnen eine realistische Perspektive für ihr Leben über Schulabschluss und Berufsausbildung aufzuzeigen. Sie sehen auch nicht, dass Schwäche und mangelnde Lebenserfahrung sie zu leicht verführbaren Opfern machen und glauben den glühenden Schwüren zu ewiger Liebe, mit denen sie zur "Hingabe" verführt werden. Sehr, sehr viele Mädchen werden Opfer von Männern, die sie ganz bewusst nur benutzen und voller Verachtung für sie und ihre Welt sind.

Aber nicht nur Schwangerschaft droht bei sexueller Betätigung, die gesundheitlichen Risiken junger Mädchen sind ein Tabuthema in unserer Zeit der grenzenlosen Liberalisierung jugendlicher Sexualität. Darstellungen sexuellen Inhalts in den Massenmedien sind an der Tagesordnung, sie wecken die jugendliche Neugierde und Experimentierfreude. Als Folge sind die Mädchen eher bereit, ihre eigene Sexualität früh auszuprobieren. Der Spaß am Sex wird gerühmt aber keiner sagt ihnen, dass man vom Sex auch krank werden kann.

Dr. Gille von der "Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau" hat in Berlin bei minderjährigen Schülerinnen und jungen Frauen eine Erhebung zum Vorkommen von Chlamydien-Infektionen durchgeführt. Im Schnitt waren 6,4 % der 266 untersuchten Minderjährigen infiziert, nachdem sie im Schnitt 19 Monate Geschlechtsverkehr hatten, bevor der Erreger entdeckt wurde. Bei den unter 15jährigen waren 3,6 % und bei den 17jährigen schon jede zehnte befallen. In den Niederlanden hat die Neuinfektionsrate zwischen den Jahren 2000 und 2002 um 62 % zugenommen. Mediziner vermuten, dass die steigenden Zahlen von Teenagerschwangerschaften parallel einhergehen mit der Ausbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten.

Die Chlamydien haben den höchsten Anteil an sexuell übertragbaren Infektionen. Es gibt in Deutschland keine Zahlen, aber in Europa und den USA ist die häufigste sexuell übertragbare Krankheit die Infektion mit Chlamydien - und sie gilt als der Hauptgrund infektionsbedingter Unfruchtbarkeit. Jede vierte bis fünfte Frau, die an einer genitalen Chlamydieninfektion leidet, ist von einer nachfolgenden Sterilität betroffen. Es wird heute vermutet, dass bereits 100 000 Frauen in Deutschland aufgrund einer durchlaufenen Chlamydieninfektion auf natürlichem
Wege keine Kinder mehr bekommen können.
Am meisten bedroht sind die jungen Mädchen von dieser Infektion, denn die Reifung der lokalen Immunabwehr im Genitaltrakt ist zunächst noch unvollständig. Da die meisten Mädchen beim ersten Geschlechtsverkehr einen älteren Partner haben, erhöht sich auch dadurch die Infektionsgefahr - 90 % der Infizierten ahnen nichts von ihrer Infektion.

Die Berliner Untersuchung ergab, dass bei den meisten die Zusammenhänge nicht bekannt sind. Zwei Drittel der Befragten benutzen zwar beim ersten Geschlechtsverkehr ein Kondom, aber hauptsächlich deshalb, weil sie eine Schwangerschaft verhüten wollen, später verhüten die Mädchen dann mit der Pille und der Gebrauch von Kondomen geht zurück. Dann benutzen nur noch 20 - 30 % Kondome, 53 % höchstens unregelmäßig.
Offensichtlich haben auch Anti-Aids Kampagnen nicht ausgereicht, um den Gebrauch von Kondomen selbstverständlicher zu machen. Häufig wechselnde Partner, Drogenkonsum und schlechter Bildungsstand stellen nach britischen Untersuchungen eine besondere Gefährdungssituation dar. Auch Untersuchungen in Deutschland zeigten, dass die Wahrscheinlichkeit einer Infektion um so höher ist, je geringer die Schulbildung ist. In England geben 10 % der jungen Männer an, dass sie beim "ersten Mal" betrunken gewesen seien oder Drogen genommen hätten. Eine kürzlich im Deutschlandfunk veröffentlichte Reportage zeigte, dass auch junge Mädchen (ab 12 Jahre) in England "binge drinking" ("Komasaufen) für eine "normale" Freizeitbeschäftigung halten. Sie werden dann im Vollrausch "abgeschleppt" und wundern sich, wenn sie schwanger sind.

Es wird höchste Zeit, Aufklärungskampagnen so zu gestalten, dass sie die jungen Menschen erreichen und ihnen vermitteln, dass grenzenlose Freiheiten auch in der Sexualität Folgen haben können, die ein gesamtes Leben beeinträchtigen.


 
 
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