Weil Voodoo-Priester sie in ihrer nigerianischen Heimat als "Wassergöttin" und damit als Hexe stigmatisierten, kam es für die damals 14-Jährige zum Bruch mit ihrer Familie. Der Anfang der Leidensgeschichte
einer jungen, begabten Frau, die sich Jahre später mit ihrem ebenfalls nigerianischen Ehemann in Wien wiederfand.
"Irgendwann war es mir zu fad, ORF zu schauen und nix zu verstehen, da wollte ichDeutsch lernen, aber mein Mann hat mich nicht gelassen", erzählt Joana Adesuwa Reiterer in gutem Deutsch mit Wiener Einschlag. Der Verein "Business and Professional Women" (BPW) Burghausen hat die heute 29-jährige Schriftstellerin in die Salzachstadt
geholt. "Wir wollen auch im ländlichen Raum, bei kleineren Veranstaltungen auf die Problematik der Zwangsprostitution aufmerksam machen", sagt 1.Vorsitzende Agnes Koch. Vergangenen Dienstag berichtete
die Afrikanerin im Bürgerhaus über ihre Vergangenheit und die Arbeit ihres Vereins "Exit" vor mehr als 100 Interessierten. In Wien merkt JoanaAdesuwa Reiterer, dass etwas nicht stimmt. Junge, leichtbekleidete
nigerianische Mädchen leben mit im Haus, sind nachts immer unterwegs. "Mein Mann wollte, dass ich für sie koche, sie sexy einkleide. Es hat eine Weile gedauert bis ich verstanden habe, dass er sie auf den Strich am Wiener Prater schickt", erzählt Reiterer. Es folgt eine Odyssee aus Gewalt und Streit. Sie lässt sich scheiden, aber weder die Polizei
noch die Justiz helfen ihr, den Mädchenhandel ihres Ex-Mannes zu stoppen. Bürgermeister Hans Steindl hat im Vorfeld das Buch "Die Wassergöttin" gelesen, in dem Reiterer ihre Biografie niedergeschrieben hat. "Ich war gespannt
auf diese Frau, die mit 14 Jahren von der Familie verstoßen wurde, schreckliche Rituale über sich ergehen lassen musste und in Europa mit einem Menschenhändler verheiratet war ohne zu wissen, was er tut. Eine Frau, die Polymertechnik studiert hat und später in der Filmbranche Fuß fasste − dieser Lebenslauf hat mich wirklich beeindruckt", so Hans Steindl. Der Einstieg in die Filmbranche war für Joana Adesuwa Reiterer der einzige Weg, auf den Menschenhandel aufmerksam zu machen. Sie drehte in Nigeria einen Film über das Thema, den das ORF ausstrahlte. "So wurden die Medien aufmerksam und erst dann hat sich die Justiz für den Fall interessiert", sagt sie.
Das Verfahren gegen Reiterers Ex-Mann ist allerdings bis heute nicht abgeschlossen. Den Zuhörern im Bürgerhaus
ist das Entsetzen anzusehen, das sie empfinden, wenn Joana Adesuwa Reiterer aus ihrer Vergangenheit erzählt. Sie spricht sehr offen, erklärt viele Kulturpraktiken der Nigerianer, aber erspart den Anwesenden zu grausame Details. "Im Buch ist das alles ausführlich geschildert. Ich habe beim Schreiben vieles was geschehen war erst verstanden", sagt die heute zweifache Mutter. Für den Verein "Exit", den Reiterer 2006 gegründet hat, überreichte ihr Bürgermeister
Steindl einen Scheck über 500 Euro. "Trotz massiver Drohungen aus der nigerianischen Gemeinschaft berät sie kostenlos Zwangsprostituierte und sogar deren Freier. Das ist eine so wichtige Arbeit, die wir unterstützen
müssen", so Steindl. Die Schirmherrin der Veranstaltung, Europaministerin Emilia Müller, ließ sich von Ulrike Scharf, der Vorsitzenden der oberbayerischen Frauenunion vertreten.
"Das Thema Frauenhandel und Prostitution ist uns heute näher denn je, auch in Bayern", betont Scharf die Brisanz des Themas. Sämtliche Erlöse des Abends gehen rein an "Exit", wie Agnes Koch von BRW betont. Die "Business and Professional Women e.V." Burghausen haben 32 Mitglieder. Sie feiern im Juli ihr 10-jähriges Bestehen in der
Salzachstadt. BPW steht für weltweite Kooperation, Freundschaft und Verständigung zwischen Frauen in Beruf und Gesellschaft. Der Verein Exit von Joana Adesuwa Reiterer bekämpft den Menschenhandel aus Afrika. Mehr Infos:
Bildtext: Geballte Frauenpower und ein belesener Bürgermeister: von links: Vorsitzende der FU Oberbayern Ulrike Scharf, BPW Burghausen Anke Weier, Bürgermeister Hans Steindl, Veronika Pöller, Schriftstellerin Joana Reiterer und erste Vorsitzende BPW Burghausen Agnes Koch
Artikel von Alexandra Königseder
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