"Frau und Gleichberechtigung – oder: Sind Frauen Menschen zweiter Klasse?"
(Auszug aus der Werbebroschüre der Frauen-Union, 1971)
Bis in die 1960er Jahre hinein übten die Parteien auf Frauen eine geringe Anziehungskraft aus. Ab dann zeichnete sich jedoch im Rahmen eines allgemein stattfindenden Politisierungstrends ein Wandel ab - Ausdruck eines gesamtpolitischen Veränderungsprozesses. In Folge der Bildung der Großen Koalition (CDU/CSU und SPD) im Jahre 1966 hatten sich mit der APO und Studentenbewegung stellvertretende Oppositions- und Protestbewegungen gebildet. Eine der führenden Studentenbewegungen bildete hierbei der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Die Studentinnen dieser Gruppierung erkannten bald, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit anti-autoritärer Muster auch innerhalb der SDS eine Kluft bestand: "Frauen durften die Flugblätter abtippen, Kaffee kochen und die Kinder während der öffentlichen Aktionen betreuen", während ihre männlichen Kollegen Vorträge hielten und demonstrierten. Auf einer Tagung des SDS kam es schließlich zum endgültigen Zerwürfnis. Diese kennzeichnete den Beginn der "Neuen Frauenbewegung", die von 1968 an bis in die 1970er Jahre hinein einen regen Zulauf an Anhängerinnen verzeichnete.
Die neuen Impulse innerhalb der Frauenpolitik, die von der "Neuen Frauenbewegung" ausgingen, beeinflussten auch die Diskussion innerhalb der Frauen-Union, der von 1969 an Centa Haas vorstand. Mochten auch Auftreten und Standpunkte unterschiedlich sein, so war man doch am Austausch von Ideen interessiert. Man lud feministische Vertreterinnen ein und setzte sich im Rahmen von Vorträgen und Diskussionen mit deren neuen Visionen auseinander. Am offensichtlichsten traten Unterschiede bezüglich des §218 zutage. Vertreterinnen der "Neuen Frauenbewegung" hatten öffentlich gefordert, §218 abzuschaffen und damit Abtreibung zu legalisieren. In einer "Selbstbezichtigungsaktion" präsentierten sich 374 Frauen, darunter Alice Schwarzer, im Magazin "Stern" und erklärten, abgetrieben zu haben. So geschlossen, wie diese Frauen eine Front gegen §218 bildeten, so einig waren sich die Mitglieder der Frauen-Union darin, dass sie gegen eine Streichung waren.
An anderen Stellen jedoch manifestierte sich der Einfluss durch die „Neue Frauenbewegung“ ganz klar. In einer Werbebroschüre von 1971 ist zu lesen: "Die Gleichberechtigung der Frau in Gesellschaft, Beruf und Politik ist noch lange nicht verwirklicht. Das liegt weniger an den Gesetzen als an den gesellschaftlichen Bedingungen. Solange Frauen unterbezahlt sind, von den Betrieben zu wenig gefördert werden, in Parteien und Verbänden kaum vertreten sind und die Zahl der politischen Mandatsträgerinnen zurückgeht anstatt zunimmt, solange sind wir von einer tatsächlichen Gleichberechtigung noch weit entfernt."
Der gesellschaftliche Wandel schien sich auch im personellen Bereich innerhalb der Frauen-Union widerzuspiegeln. Als Ursula Krone-Appuhn im Jahre 1973 Nachfolgerin von Centa Haas wurde, vollzog sich auch hier ein Generationenwechsel. Krone-Appuhn, die im Verteidigungsausschuss saß, verlagerte bewusst den thematischen Schwerpunkt auf Wehrpolitik und setzte sich bewusst für die Rechte Alleinerziehender ein. Unter Krone-Appuhn legte die Frauen-Union ein detailliertes Aktionsprogramm zu ihren politischen Zielsetzungen vor.
Ende der 1970er Jahre zeigte sich, dass Frauen auch auf europäischer Ebene auf dem Vormarsch waren. Ursula Schleicher zog 1979, als zum ersten Mal die Abgeordneten durch Direktwahl bestimmt wurden, als erste CSU-Frau in das Europäische Parlament ein.
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